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Zaroktî - Kindheit

Schlangen töten, in einem schmutzigen Fluss kurz vorm Ertrinken schwimmen lernen, nicht nur vom Fliegen Träumen, sondern Flügel basteln und damit wirklich zu fliegen versuchen, und beim Reiten lernen, ohne Sattel tausendmal vom Pferd runterzufallen. Kurden zeigen nicht Fotos ihrer Kinder herum, sondern packen ganz einfach einen frisch rasierten Bubenkopf und erzählen die Geschichte jeder Narbe. Für Mädchen in Kurdistan ist es leider nicht so abenteuerlich. Während die Buben die Welt erobern, müssen die Mädchen zu Hause bleiben und der Mutter im Haushalt helfen. Aber auch die Buben müssen arbeiten. Fast jeder kurdische Bub hat eine Zeitlang als Schuhputzer gearbeitet oder auf der Straße Getränke verkauft.
Ein kurdisches Kind geht nicht so gern in die Schule. Dort wird eine andere Sprache gesprochen zu Hause. Diese Sprache muss man lernen. Die Kinder verstehen nicht, warum. Fragen sie danach, erhalten sie keine Antwort. Diese antwort wissen sie erst, wenn sie erwachsen sind.
Ein Kind in Kurdistan wächst normalerweise in einer Großfamilie auf: man lebt mit vielen Geschwistern und Eltern gemeinsam mit Tanten, Onkeln und Großeltern. Liebe und körperlichen Kontakt hat genug. Selbstständigkeit hingegen entwickelt sich sehr schwach. Dies ist auch noch bei den Kurden, die schon Jahrelang in Europa leben, so. Einer entscheidet und die anderen machen einfach mit. Manchmal gehen zwanzig Kurden brav hinter einem drein, ohne dass sie wissen, wo sie eigentlich hingehen und was sie unternehmen werden. Traditionelle Feste, wie man sie für Kinder in Kurdistan ursprünglich zu bestimmten Anlässen feierte, verlieren immer mehr an Bedeutung. Das erste Fest für ein Kind feiert man, wenn es Zähne bekommt. Verschiedene Getreidesorten werden gekocht und mit Butter und Salz angerichtet. Die ersten Zähne sollen mit so einem zarten Essen begrüßt werden. Diese feine Speise bekommen dann auch alle anderen Kinder zu essen. Das nächste Fest findet statt, wenn das Kinder zu gehen beginnt. Die Füße des Kindes werden zuerst zusammengebunden und dann wird die Schnurr feierlich mit einer Schere zerschnitten. Das soll das Stolpern verhindern. Allen anderen Kindern die eingeladen sind, gibt man geröstete Körne zu essen. Und das dritte und das letzte Fest für ein Kind macht man, wenn es zum sprechen anfängt. Wieder kommen alle Kinder zusammen und singen zu ehren des einen.
Ein ganz bestimmtes Kinderfest aber gab es bis vor kurzem in Kurdistan überhaupt nicht: Geburtstag! Denn niemand weiß eigentlich, wann er genau Geburtstag hat. In einem Ausweis steht immer irgendein Datum, so ungefähr, von einem Meldebeamten geschrieben. Eine Geburtsurkunde, gleich nach der Geburt ausgestellt, gibt es nicht. Niemand interessiert sich für Geburtstage oder feiert sie. So kann es sein dass, ein Kurde auf die Frage, wann er Geburtstag habe, antwortet: "Meine Mutter sagt, dass in der gleichen Nacht auch eine Zige geboren Wurde."

Sedat Demirdegmez



 

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