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Es ist schwer, über etwas zu sprechen und es zudem einordnend darzustellen, wenn die Materie, über die man spricht, nicht allen gleichermaßen bekannt ist. Deshalb möchte ich noch einmal einen Vergleich versuchen. Das Beispiel vom Blumenstrauß wurde schon angeführt. Wir können auch eine Gruppe von Musikanten als Beispiel nehmen. Jeder spielt sein Instrument, aber alle zusammen lassen etwas Neues entstehen. Oder nehmen wir eine Sammlung von Steinen. Je nachdem, wie die Steine gelegt werden, müssen die Übergänge zwischen ihnen anders ausgelegt werden, und damit alles schön paßt und nahtlos ineinander übergeht, wird man sich viel Mühe geben beim Einpassen. Die Harmonie des Ganzen und seine Aussage wird von den auf Anhieb erkennbaren großen Steinen - im Verein mit den Zwischenräumen - bestimmt. Vorhandene und bewahrte Unterschiede sind die Voraussetzung dafür, daß der gelungene Zusammenklang, das gelungene Ineinanderpassen schließlich möglich ist, wobei das wiederum auch eine zu würdigende Leistung ist, die die kurdische Kultur in ihrem Wesen charakterisiert.
Ich behaupte, daß die Neigung zum Synkretismus ein Hauptmerkmal der kurdischen Kultur ist. In die politische Sprache übersetzt, könnte man sagen, daß sie pluralistisch ist. Eine Gesellschaft wird pluralistisch genannt, wenn sie mehrere erkennbar unterschiedliche Richtungen zuläßt. Wenn in Deutschland z. B. verschiedene politische Richtungen miteinander eine Koalition eingehen oder sogar eine Regierung bilden, sind diese erkennbar als z. B. SPD, FDP usw. Jede der Kräfte hat ihre eigenen Eigenschaften, aber wenn sie sich alle über ein Programm einigen, entsteht etwas Neues, etwa ein Gesetz, das nicht identisch ist mit den einzelnen Ideen. Bleibt die Frage, weshalb die synkretistische Kultur der Kurden samt dem ihr eigenen Pluralismus und der ihr eigenen Toleranz in der kurdischen Politik so wenig zur Geltung kommt. Mit dieser Frage, die an dieser Stelle nicht unter den Tisch fallen darf, können wir uns jetzt im Detail nicht befassen, weil ich hier noch einen anderen, nämlich realpolitischen Erklärungsrahmen heranziehen müßte, dennoch behaupte ich - auch angesichts der Zerstrittenheit der kurdischen Parteien zum gegenwärtigen Zeitpunkt und auch im Rückblick auf dieses Jahrhundert, das für die Kurden ein Jahrhundert der Trennung und der Tränen war, daß diejenigen von den Kurden zu wenig verstehen, die die Uneinigkeit der Kurden zu ihrem bestimmenden Merkmal machen. Wollen wir am Ende des Jahrhunderts, das die Kurden in so große Trauer gestürzt hat, positiv und konstruktiv lieber fragen, welche Eigenschaft der Kurden es war, die den alten Religionen noch Raum gab, wo sie anderenorts längst verschwunden waren, und welche Voraussetzungen es unter den Kurden gegeben haben muß, daß gerade sie die genannten synkretistischen Religionen entwickelten. Warum haben sich so viele alte Religionen und kurdische synkretistische Religionen in Kurdistan bewahren können, trotz der islamischen Invasion, warum nicht bei den Nachbarvölkern, die alle viel einheitlicher, vollständiger islamisiert wurden? Ich habe auf diese Frage nur eine Antwort: Weil es unter den Kurden einen Hang zum gleichwertigen Nebeneinander gibt, bis heute, der sich im übrigen auch in der politischen Kultur der Kurden ausdrückt. Das setzt eine Form von Toleranz voraus, nämlich die Toleranz, das Nebeneinander von Gleichwertigem zu ertragen und die Spannung, die durch Vielfalt immer gegeben ist, auszuhalten. Diese Besonderheit der Kurden gilt es anzuerkennen und zu pflegen und zu schützen. Diese Besonderheit ist quasi der Schlüssel, mit dem die Kurden sich ein Leben in Würde und Gleichberechtigung erschließen können.
Warum gibt es im Herzen Kurdistans in Kangawar seit Tausenden von Jahren den großen Tempel von Anahita (weibliche Göttin der Reinheit, des Regens und des Wassers), zahlreiche christliche Kirchen, das große Heiligtum der Ezidi (in Lalisch), jüdische Tempel, das Heiligtum der Aleviten, Kakayis, Schabak und Sarayis. Warum haben die Oppositionellen der Araber und Perser (und auch Bahaollah, Prophet der Bahais) in Kurdistan Zuflucht gesucht? Bahaollah konnte zwei Jahre, von 1854 bis 1855, als er überall verfolgt war, voll respektiert in Kurdistan leben, und hätte dort auch in Ruhe weiterleben können, wenn er nicht von selbst gegangen wäre, um seine Religion weiterzuverbreiten. Warum kann ein enger Mitarbeiter von Saddam Hussein, der jahrelang Kurden vernichtet hat, sich von Saddam trennen und in Kurdistan Asyl begehren und finden? Es ist eine Sitte bei den Kurden, daß sie ihren Erzfeinden verzeihen, wenn sie die Kurden bei sich zu Hause aufsuchen. Warum haben die Kurden als einziges Volk des Vorderen Orients ihren traditionellen Tanz in bunter Reihe (Männer und Frauen), der Raschbalak heißt, bewahren können, trotz aller Vorwürfe der Fanatiker unter den Nachbarvölkern, die Kurden seien "unmoralisch"? Warum konnten kurdische Frauen, in jenen Gebieten, wo die Fremdherrscher keinen Einfluß hatten, ohne Schleier in die Öffentlichkeit und mit dem Mann auf dem Feld zusammen arbeiten und es bis heutzutage tun, und in Kriegszeiten Waffen tragen, und warum konnten einige von ihnen sogar eine führende Rolle spielen, im Gegensatz zu den Frauen der Nachbarländer? Wie konnte eine Frau wie Kara Fatma eine Armee von Männern führen, so daß die europäische bzw. die deutsche und orientalische Presse mit Bewunderung im vorigen Jahrhundert darüber berichteten? Aber nicht nur im vorigen Jahrhundert hat es eine solche Frau gegeben. Vor etwa 15 Jahren, in den 80er Jahren führte eine kurdische Frau namens Khadsche (Xeco) Yesar jahrelang eine Gruppe von Peschmarga (kurdische Freiheitskämpfer), und lebte mit ihnen in den gewaltigen Bergen Kurdistans (um später im übrigen nach Paris zu kommen und dort an der Sorbonne eine Doktorarbeit abzuschließen). Wie hatten die Volksmojahedin (eine bedeutende persische Oppositionsgruppe) im Sommer dieses Jahres eine Kurdin zum Oberbefehlshaber ihrer bewaffneten Kräfte machen können?
Erwähnenswert ist, daß ein Kurde namens Qassim Amin (1865-1908) um 1900 im konservativen Ägypten sich so für die Rechte der Frauen einsetzte, daß er von den Ägyptern den Beinamen "Moharrir al-Mar'ah" (Frauenbefreier) erhielt. Qassim Amin ist nicht der einzige kurdische Mann, der sich entschieden für die Gleichstellung der Frau eingesetzt hat. Im übrigen, zur gleichen Zeit wie sich Qassim Amin für die Rechte der Frauen einsetzte und durch seine Werke "Die Befreiung der Frau" (1899). und "Die neue Frau" (1906) ein geistiges Erdbeben in der arabischen Welt verursachte, verfaßte der arabisch-muslimische Gelehrte Mahmoud Schukri al-Alusi (1857-1924) in Bagdad ein bedeutendes Buch, um die Frauen vom Besuch der Schulen abzuhalten, damit sie eben nicht den Weg aus der Häuslichkeit finden bzw. "keinen Brief an einen fremden Mann schicken können". Sein Buch nannte er "al-Issabah fi man'al-nisa an al-Kitabah" (Gezielter Schuß, um den Frauen das Schreiben unzugänglich zu machen).
Erwähnenswert ist auch, daß es Hinweise darauf gibt, daß es vor der islamischen Zeit in Kurdistan eine Frauen- oder Mutterrechtsgesellschaft gegeben haben kann. Daß bedeutende Söhne und Töchter den Namen ihrer Mutter tragen, und nicht den ihres Vaters, ist nicht nur in der Folklore und Mythologie belegt, sondern bis in die Gegenwart bei den Kurden aktuell. Das ist als Indiz zu werten, daß die Stellung der Frau in vorislamischer Zeit bei den Kurden unter Umständen ein völlig anderes Gewicht hatte, als bisher angenommen. Ich erinnere hier an die weibliche Göttin Anahita und daran, daß der große ihr zu Ehren errichtete Tempel in Kangawar in Ostkurdistan bis heutzutage erkennbar erhalten ist.
Als die Iraner gegen den Schah revoltierten und für den schiitischen Fanatiker Khomeini und seinen "islamischen Gottes-Staat" stimmten, waren die Kurden und ihr geistiger muslimischer Führer Izzaddin-i Hossaini die einzigen, die sich weigerten und - vergeblich - auf der Gründung einer demokratischen Republik Iran bestanden und dabei den bis zum heutigen Tage wirksamen Staatsterror im Inland und Ausland auf sich zogen. Das alles zeigt deutlich, daß die Kurden nicht nur eine andere Sprache sprechen als ihre Nachbarvölker, sondern daß sie auch eine eigene Kultur haben und daß ihnen das Leben in den Besatzungsstaaten unmenschlich große Opfer abverlangt und seit Jahrhunderten abverlangt, definitiv seit der Ankunft des Islam, der wie eine Glasglocke sich über das Gebiet senkte, unter der die Kurden dennoch ihre kulturellen Eigenheiten weiter pflegten, wie bereits ausgeführt wurde.
Es ist eine historische Tatsache, daß die von den fremden Machthabern tolerierten kurdischen Herrscher oder kurdischen Scheichs, die sowohl religiöse als auch politische Führer waren, traditionsgemäß toleranter waren im Hinblick auf die Religionszugehörigkeit der von ihnen angeführten Stämme und Gebiete, jedenfalls toleranter, mit einer anderen Art des Umgangs mit der Bevölkerung, als sie die Herrscher an den Tag legten, die - mit Zustimmung der muslimischen Machthaber - bei den Arabern oder Persern oder Türken herrschten. Nur ein Beispiel: Ein Gouvernement Kurdistan wurde nach dem Ersten Weltkrieg in Südkurdistan unter der Mandatsmacht der Briten eingerichtet. Der bekannte religiöse Führer der Kurden Scheich Mahmoud (1882-1956) wurde offiziell zum Gouverneur von Kurdistan ernannt, der sich später zum König von Kurdistan krönen ließ. Dieser Kurdenstaat existierte etwa 5 Jahre (1919-1924). Während dieser Jahre wurde niemand hingerichtet, niemand gefoltert, keine Frau wegen Ehebruch gesteinigt, wie es heute in Iran und Saudi Arabien gang und gäbe ist, keinem Dieb wurde die Hand abgeschlagen, keine religiöse Minderheit wurde diskriminiert. Dieselbe Qualität des öffentlichen Lebens herrschte in der Zeit der Republik Kurdistan (1946), deren Präsident Qazi Mohamad (1893-1947) ein bekannter muslimischer Richter war. Scheich Mahmud und Qazi Mohamad waren zwei traditionelle kurdische Führer mit kurdischer Erziehung und Kultur.
Die heutigen Streitereien unter den kurdischen Parteipolitikern, die zum kurdischen Kleinbürgertum gehören, sind ein Resultat des politischen Geistesgutes der türkisch-turanistischen, arabisch-baathistischen, persisch-
schahinschahistisch-khomeinistischen Erziehung, die durch dieses Jahrhundert hindurch den Kurden in den staatlichen Schulen der Kurdistan aufteilenden Staaten eingeflößt wurde.
Nachdem die islamische Religion sich in Kurdistan verbreitet hatte, mehr oder weniger tief, haben viele Kurden sich nicht nur mit der Pflege der neuen Kultur beschäftigt, sondern sie haben - aus einem jeweils verzögert erwachten, dafür genuinen freien Interesse, die arabisch-islamische, die persisch-islamische Kultur, und viel später - nachdem die Türken in das Gebiet gekommen waren und den Islam förmlich unbesehen übernommen hatten - auch die osmanisch-islamische Kultur mit großer Hingabe bereichert.
Bedeutende kurdische Literaten und Denker haben der arabischen Sprache, der persischen Sprache und der türkischen Sprache gedient und in diesen Sprachen bedeutende Werke geschrieben. Sie haben sogar ihre eigene kurdische Sprache vernachlässigt, und das ist dokumentiert, z. B. mit dem im vorigen Jahrhundert, zur Zeit des Osmanischen Reiches von Semsettin Sami geschriebenen Lexikon "Qamüs ül-Aalam" (1314 h./1896-7), in dem es heißt: "Es ist verwunderlich, daß die Kurden so viele Gelehrte haben, aber sie schreiben nicht in ihrer eigenen Sprache, sie widmen sich der arabischen und persischen Sprache. Weshalb ist das so?"
Und weshalb ist das durch die Geschichte der Kurden hindurch ein charakteristisches Merkmal, sich so wenig auf sich selbst zu kaprizieren? Ganz kurz greife ich auf den Beginn des Vortrages zurück, wo ich sagte, daß Kurdistan ein Gebiet ist, in dem über die Jahrtausende viele Hochkulturen Einfluß übten. Die Griechen z. B., die oft mit dem Akhamenidischen und Sassanidischen Reich in Kriege verwickelt waren, machten Station in Kurdistan und haben in nicht geringer Anzahl Jahrhunderte lang dort gelebt. Die Bevölkerung muß sich mit den Griechen vermischt haben, die griechische Sprache zumindest zum Teil angenommen haben. Unter den interessantesten altgriechischen Wörtern, die ihren Weg in die kurdische Sprache auf Dauer gefunden haben, ist das Wort Mitra (Stirnbinde, Bischofsmütze), das im Kurdischen zu Mezer wurde, mit der Bedeutung "muslimisch-geistliche Kopfbinde". Die kurdischen Gelehrten haben in der Vergangenheit traditonellerweise einen besonderen Kopfschmuck getragen, der Mezer hieß. Bis heutzutage haben wir Berge und Ortschaften in Kurdistan, die griechische Namen tragen.
Die Kurden haben eine namhafte Universität in einer Stadt namens Harran gehabt, deren Ruinen bis heute in Urfa in Nordkurdistan liegen. Die Harran-Universität war in der frühislamischen Zeit ein Wissenschaftszentrum im Orient. Unsere arabischen Freunde, die hier heute anwesend sind, haben sicher von Harran gehört, denn ein großer arabischer Philosoph wie Farabi hatte in Harran in Kurdistan studiert, und der bekannte muslimische Jurist und große Scholastiker Ibn-Taimia war Kurde und stammte auch aus Harran. Harran ist heute eine Ruine, 2 Kilometer entfernt von Urfa in Nordkurdistan. Zahlreiche große Gelehrte des Orients waren Schüler in Harran. Es waren die Kurden, die wesentlich dazu beigetragen haben, daß die griechische Kultur ins Arabische und Persische übersetzt wurde und damit haben sie auch zwischen der abendländischen Kultur und der islamischen Kultur vermittelt. Nicht zu vergessen, daß die eben genannte kurdische Stadt Urfa (Ruha) auch eine Wiege christlicher Kultur gewesen ist.
Nicht nur auf dem Gebiet der Kultur haben die Kurden ihren Nachbarvölkern, besonders den Arabern und Persern und Türken gedient, auch als Soldaten, als die Kreuzfahrer das "heilige Land" Palästina angriffen, marschierte der große Kurdenfürst Saladin (1137-1193) mit seiner kurdischen Armee nach Palästina und konnte die Kreuzfahrer in erbitterten Kämpfen zurückschlagen. Mit großem Verlust an Leben von seinen kurdischen Landsleuten konnte er den Sieg erringen. Aber Saladin hat weder die Araber noch die Europäer schlecht behandelt, und deshalb ist mit Saladin auch sein kurdisches Volk in die Weltgeschichte eingegangen, denn es ist bekannt, als er nach Damaskus ging, sagte ihm eine arabische Persönlichkeit: "Gott, ich danke Dir, daß Du durch den Kurden die Religion des arabischen Gesandten gerettet hast". Dann sagte er: "Wir freuen uns, daß ein kurdischer Bruder unser Land besitzt und nicht ein Fremder". Saladin antwortete: "Ich bin nicht als Besitzer gekommen, ich bin Euer Diener." Als Saladin im Jahre 1181 in Ägypten das erste Krankenhaus bauen ließ, nannte er es in kurdischer Sprache "Bimaristan". Bis in die Gegenwart nennen die Ägypter dieses antike Krankenhaus "Bimaristan", sowie sie auch jedes andere so nennen.
Nicht nur Palästina und Ägypten, sondern auch Syrien und Jordanien zeugen bis heute in ihren volkstümlichen Bezeichnungen für antike Denkmäler von der glorreichen Vergangenheit der Kurden. So gibt es in Syrien Überreste einer einst wahrhaft mächtigen Festung, die "Kurden-Festung" genannt wird (Hossn al-Akrad), und in Jordanien gibt es Überreste der Salt-und Adschloun-Festung, die nicht minder bedeutsam gewesen sein wird, um nur zwei Beispiele zu erwähnen für kurdische Architektur und Macht, die bis heute überliefert sind
Und noch ein interessantes Detail zur Bereicherung - dieses Mal ist es eine Bereicherung der arabo-islamischen Kultur durch die Kultur der Kurden möchte ich erwähnen. Als die Muslime nach Iran kamen und ihre Religion, der Islam, zur Staatsreligion wurde, was die Sprache des Staates gleichzeitig arabisierte, haben die Araber ihrerseits eine Vielzahl von Wörter, besonders technische Begriffe wie z.B. Qalam (Bleistift), Barid (Post), Fan (Kunst), Handasa (Geometrie) aus dem Kurdischen übernommen. Das habe ich in einem Vortrag in arabischer Sprache ausgeführt, den ich am 21. Mai 1994 in Köln vor zahlreichen muslimischen Theologen aus aller Welt gehalten habe. Der Vortrag ist in diesem Jahr (1997) erschienen, unter dem Titel: "Die unten gehaltenen Kurden und ihre muslimischen Brüder". Manche Wörterbücher und Lexika, wie das bekannte Lexikon von Firouzabadi, merken immerhin an, daß die Wörter für Bleistift, Kunst, Geometrie, Post, Heft etc. Fremdwörter im Arabischen sind. Aus Zeitmangel kann ich die Etymologie dieser Wörter hier nicht erklären. Ich kann hier nur mit Bedauern erwähnen, daß die kulturelle Leistung der Kurden in der Vergangenheit im Rückblick -besonders was die vorislamische Zeit angeht, aber auch die Zeit nach der arabo-islamischen Invasion -fälschlicherweise unterschätzt wird.
Das gilt auch für die kurdische Musik. Die kurdische Musik hat ihre Eigenarten, was Rhythmus und Tonfolge angeht, Musikwissenschaftler können das begründen, ich möchte dazu hier nur so viel sagen, daß die kurdische Musik sehr wahrscheinlich im 8. und 9. Jahrhundert in großem Stil im Palast der arabo-muslimischen Herrscher in Bagdad ihren Einzug hielt, und zwar durch den kurdischen Komponisten und Sänger Ishak Mussli (767-850). Der in der arabischen Musik benutzte Terminus "Rast Kurdan" (wörtlich "Tonart der Kurden") und weitere Termini wie "Watar al-Kurdan" (wörtlich "Kurden-Saite der Laute"), und "Kar-Kurd" und "Bayati Kurd",
die alle in der arabischen Musik benutzt werden, sprechen für sich. Es ist unverkennbar, daß die kurdische Musik bis auf den heutigen Tag die orientalische Musik bereichert, wobei die Quelle der kurdischen Musik nicht versiegt, sie wird in ihrer Besonderheit weiter gepflegt und ist als solche erkennbar. Kurdische Musiker, Sänger und Komponisten, die die Musik der Nachbarvölker durch kurdische Musik bereichert haben, sind zahlreich. Rahim Moeni Kirmaschani bei den Persern, Nazim Ghazali bei den Arabern und Ibrahim Tatlises, Izet Altinmese bei den Türken sind nur einige berühmte Beispiele. Es ist zu bemerken, daß die Staaten, die Kurdistan beherrschen, sich kurdische Kultur oder Teile der kurdischen Kultur auf primitive Weise aneignen, nämlich "per Gesetz". Z. B. feiert Syrien das kurdische Nationalfest Newroz (Neujahrsfest) am 21. März als "Baumfest". Der Türkenstaat, der seit seiner Gründung 1923/24 das Feiern dieses Festes mit schwerer Strafe verfolgt hatte, hat vor wenigen Jahren das Newroz-Fest, dieses Mal als Nevrüz zu einem "uralten Türkenfest" erklärt und die kurdischen Nationalfarben Rot/Gelb/Grün, die er jahrelang bei Strafe selbst verboten hatte, als "herkömmliche Türkenfarben" bezeichnet und sich angeeignet. So einfach ist das.
Was die kurdische Sprache angeht, in den Jahrhunderten seit dem Beginn der arabo-muslimischen Fremdherrschaft, die später durch eine perso-muslimische und turko-muslimische Variante ergänzt wurde, haben die Kurden zwar ihre eigene Sprache und Kultur nicht aufgegeben, sie wurden in der Privatsphäre gepflegt und weitergegeben, aber offen und produktiv nach außen haben sich die Kurden viel mehr den Kulturen und auch den Belangen der Nachbarvölker (Araber und Perser) gewidmet, die um ein weiteres Nachbarvolk vor rund 700 Jahren (am Ende des 13. Jahrhundert) erweitert wurden, als nämlich eine nicht enden wollende Kette von türkischen Stämmen, mongolischen und turkmenischen Stämmen, aus dem mittelasiatischen Raum nach Kleinasien kam. Diese neuen Invasoren konnten im Jahre 1258 das islamische Kalifat in Bagdad stürzen, das bis dahin in der Hand der Araber war. Natürlich haben die Kurden auch gegen die neuen Invasoren Widerstand geleistet. Sie versuchten, sich in Fürstentümern, in unabhängigen Fürstentümern zu organisieren oder weiter als solche zu bestehen. Damals waren die Staaten keine modernen Staaten, sondern im Vorderen Orient gab es Fürstentümer. Die Kurden hatten zahlreiche Fürstentümer. Die mächtigsten waren Hassnawie, das 959 n. Chr. gegründet wurde, und Dostaki (990-1096 n.Chr.). Das letztgenannte Fürstentum befand sich in Mittelkurdistan und unterhielt diplomatische Beziehungen zum Byzantinischen Kaiser Basilius II. (957-1025 n.Chr.). Als 1258 das islamische Kalifat durch die turko-mongolischen Invasoren gestürzt wurde und die Neuankömmlinge in der Region die Macht in die Hände bekamen, konnten sie diese Macht nicht nur behalten, sondern noch weiter ausbauen, weil sie den Islam praktisch in einem Guß als Religion übernahmen, und zwar, die Konfession des Islam, die von dem islamischen Kalifen in Bagdad vertreten wurde, nämlich die sunnitische Konfession. So entstand in Kleinasien eine kleine islamisch-sunnitische Dynastie einer Türkenfamilie, deren Oberhaupt "Osman" hieß (1299-1923/24).

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