Alles rund um Kurdistan und Kurden in Wien bei  www.kurdistan.at - Bilder, Musik, News, Veranstaltungen, Locations und und und .........


Als der Islam im 7. Jahrhundert n. Chr. nach Kurdistan kam, traf er in Kurdistan ein über Jahrhunderte gewachsenes Nebeneinander von Religionen an, wobei die unterscheidbare Anzahl über die hinausging, die bisher genannt wurden, weil die kurdischen synkretistischen Religionen bisher noch nicht genannt sind. Das sind Religionen, die sehr alte mythische Vorstellungen beinhalten und dazu Elemente der genannten Religionen enthalten, zu unterschiedlichen Anteilen, auf unterschiedliche Weise miteinander verbunden. Diese kurdischen synkretistischen Religionen sind untereinander - was ihre Inhalte und Riten betrifft - durchaus unterschiedlich. Was sie miteinander gemeinsam haben, sind manche sehr alte Inhalte und die Art und Weise, wie übernommene Inhalte auf originelle Weise zwar logisch miteinander verknüpft, aber nicht verschmolzen werden. Eben um diese Besonderheit geht es, wenn von Synkretismus die Rede ist. Von Mischreligionen ist in dem Zusammenhang nicht zu sprechen, weil im Fall einer Mischreligion die Elemente viel mehr ineinander übergehen, so daß man viel weniger in der Lage ist, die Elemente als solche noch zu erkennen. Ich kann ein Beispiel geben, wir haben hier auf dem Tisch einen Strauß von Blumen. Jeder sieht sie, dies ist eine gelbe Blüte, das ist eine rote, diese hier ist weiß, und das ist das Blattgrün. Alle haben ihre Besonderheit, und alle zusammen bilden den Strauß. Der Strauß ist das synkretistisch Neue. Wenn jemand die Blüten zerrupfte und die Stiele und Blätter von einander trennte und diese Bestandteile zusammenhäufte, entsteht auch etwas Neues, nämlich eine Mischung. Der Grad der Mischung kann unterschiedlich sein, und man wird manche ursprüngliche Bestandteile erkennen können, sonst könnte man ja nicht von einer Mischung sprechen. Doch ist der Unterschied zwischen dem, was Synkretismus ist, und dem, was eine Mischreligion ist, ein grundsätzlicher und wesentlicher.
Im Synkretismus bleibt die Vielfalt bestehen und es wird trotzdem etwas Neues daraus. Die Mischreligion mindert die Vielfalt um das Neue, das durch sie entsteht. Das Merkmal der kurdischen Religionen ist, daß sie synkretistisch sind, und das ist ein Grund, weshalb die kurdische Kultur so reich ist, man könnte auch sagen, weshalb die kurdische Kultur eine pluralistische Kultur ist.
Zweifellos hat der Islam, als er im 7. Jahrhundert n. Chr. nach Kurdistan kam, auch die dort existierenden kurdischen synkretistischen Religionen geprägt und um Elemente bereichert, in unterschiedlicher Weise. Ich führe einige Beispiele an. Die Yeziden (Ezidi) z. B. werden von Außenstehenden oft als "Teufelsanbeter" bezeichnet. Aber das ist nur eine böswillige Abwertung. Es handelt sich tatsächlich um eine synkretistische Religionsgemeinschaft, die manche Elemente des Mithraismus und Manichäismus bewahrt. Wenn Yeziden
z. B. beten, ihren Gottesdienst verrichten, wenden sie sich in die Richtung der Sonne. Das ist eine mithraistische Tradition. Was das Wesen des Menschen angeht, sagen sie, daß jeder Mensch "sein eigener dunkler Schatten (Teufel)" sei, was dem Manichäismus entspricht, daß einem Lebewesen neben der lichten reinen Seele (das Gute) immer auch schmutzige Materie (das Böse) anhafte. Wenn die Yeziden Karfreitag feiern, was sie tun (und wenn sie Jesus Christus verehren, was sie auch tun), führen sie - für den Religionswissenschaftler erkennbar - eine christliche Tradition fort.
Wenn die Yeziden wie die kurdischen Derwische organisiert sind und ihre bekannten Trance-Tänze durchführen, ist das ein kurdisch-islamischer Kult. Es ist schon viel Diskreditierendes über die Kurden und ihre Kultur geäußert und mangels besseren Wissens kolportiert worden. In dem Maße, wie der Reichtum der von den Kurden gepflegten Kultur voll zutage tritt, wird das eigentliche Ausmaß der Diskreditierung klar.
Die Aleviten werden z. B. als Anhänger von Ali bezeichnet, der ein muslimischer Kalif war, was eine falsche Interpretation ist. Nach einer ähnlichen Logik sind die Yeziden zu Anhängern von Yazid geworden, der ein Sohn des muslimischen Kalifen Muawiyah war. Das ist reine Volksetymologie, die auf lautlicher Ähnlichkeit beruht. Nach der gleichen Logik meinen manche Araber, daß "Shakespeare" unter Umständen ursprünglich ein Araber gewesen sei und "Schaich Zubair" hieß.
Die Yeziden nennen sich im übrigen Ezidi (und nicht Yazidi), und das sollte man ernst nehmen. "Ezd" bedeutet im Kurdischen "Gott" (oder auch Engel) und "Ezdi" entsprechend Gottesanbeter (und eben nicht "Teufelsanbeter"). In meinem Vortrag "Die Ezidis sind keine Teufelsanbeter", den ich im Mai 1990 an der Hochschule Bremen gehalten habe, bin ich ausführlich darauf eingegangen und habe erklärt, wie die lautliche Ähnlichkeit zwischen dem kurdischen Terminus "Scha-tan" und dem ursprünglich semitischen Wort "Schaitan" (vom Hebräischen "Satan") zu der folgenschweren Verwechslung geführt hat. Das kurdische "Scha-tan" bedeutet nämlich "Engel-leibig" oder "mit dem Körper eines Engels" und hat nichts mit dem Teufel zu tun. Eine andere Unklarheit hat es lange Zeit in bezug auf den großen Heiligen der Yeziden namens "Taus-e Malak" gegeben, nämlich als man "Taus" (das kurdische Wort für den Vogel Pfau) wörtlich als "Vogel Pfau" verstanden hat. Sehr wahrscheinlich kommt das Wort Taus aus dem Griechischen, und hat die an die Worte "Zeus" und "Theos" anknüpfende Bedeutung "Gott". Demnach ist Taus-e Malak der Engel (oder Gesandte) Gottes. Und eben so sehen die Yeziden selbst ihren Taus-e Malak.
Wie die Yeziden auf die von außen an ihren Glauben herangetragenen Verdrehungen reagiert haben, wie sie damit fertig wurden, sie ihrerseits wieder interpretierten, das können wir jetzt leider nicht weiter betrachten, müssen es mit diesem Blick auf den Reichtum der kurdischen Kultur, die einem Teppich gleich an dieser Stelle vor uns liegt, bewenden lassen, allerdings nicht ohne auf die ähnliche Situation der Aleviten verwiesen zu haben. Aus z. T. totaler Unwissenheit - selbst im Rahmen orientalistischer Wissenschaft - oder aus politisch zweckgebundenen Motivationen wurden und werden die Aleviten einmal mit Ali, dem vierten islamischen Kalifen, und ein anderes Mal mit den "Pseudomuslimen" und ein noch anderes Mal mit der rassistischen Ideologie von Mustafa Kemal ("Atatürk") in Zusammenhang gebracht. Ich habe eine "Arbeit" darüber gesehen, die aus dem Ethnologischen Institut der FU- Berlin stammt. Arme Wissenschaft! Es ist erstaunlich, daß das Niveau der Kurdologie in Deutschland, das das Heimatland der Kurdologie bis zum zweiten Weltkrieg war, so gesunken sein kann, daß im Rahmen dieser Fachrichtung solche Pseudo-Wissenschaft möglich ist. Manche an deutschen Universitäten abgelegte Magister- und Doktorarbeiten sind so tendenziös, daß man beim Lesen der Arbeiten weiß, wo bzw. in welchen organisatorischen Zusammenhängen die Verfasser anschließend Ämter und Posten bekleiden, meistens im Deutschen Orient-Institut in Hamburg.
Wer den Glauben der Aleviten ernsthaft verstehen will, muß dessen Inhalte in Zusammenhang mit den anderen synkretistischen Religionsgemeinschaften Kurdistans setzen. Alevi hat mit Ali so wenig zu tun wie die Ezidi (Yezidi) mit Yazid. Die Bezeichnung Alevi ist meinen Forschungen zufolge ein Hinweis auf die Kraft des Feuers (das bei den Kurden ein Symbol des Lichtes ist). Das kurdische Wort "halav/hilav" mit der Bedeutung "Dampf des kochenden Wassers/Flammenspitzen des Feuers", was im Türkischen als Lehnwort "Alev" mit derselben Bedeutung übernommen worden ist, kommt als ursprüngliches Bezugswort eher in Frage, denn die Aleviten betrachten das Feuer als heilig, wie auch die Kurden im allgemeinen dem Feuer eine gewisse Verehrung entgegenbringen. Es ist eine unter den Kurden weit verbreitete Sitte, kein Feuer und keine Kerze zu löschen, ohne den Namen Gottes zu nennen bzw. sich zu entschuldigen.
In bezug auf die Ahli-Haqq (Leute der Wahrheit), die auch Kakayi oder Yarsan genannt werden, gibt es ähnliche Verwechslungen und Mißverständnisse. Man behauptet, daß sie "Aliollahi" (Ali-Anbeter) seien, und damit werden sie als Pseudomuslime eingestuft. Tatsache ist, daß der Gott der Ahli-Haqq nicht Ali, sondern Sultan Sahak ist. Er soll von einer Kurdin geboren sein, die wie Maria eine unbefleckte Empfängnis hatte, indem ihr, die unter einem Granatapfelbaum schlief, ein Kern der Frucht in den Mund fiel, weil ein Vogel die Frucht direkt über ihr angepickt hatte und sich der Kern dabei löste.
Auf vielerlei Art und Weise können wir sehen, daß diese Religionsgemeinschaften, die wir heutzutage in Kurdistan antreffen - die Ezidis, die Aleviten, Schabak, Haqqa, die Ahli-Haqq bzw. Kakayi oder Yarsan, daß sie alle verschiedene Elemente miteinander verbunden und neue Glaubensrichtungen begründet haben, und wir sehen auch verschiedene grundlegende Gemeinsamkeiten unter diesen Religionen. Sie alle betrachten Gott als den Schöpfer, der als einzelner und allgegenwärtig herrscht, also monotheistisch und omnipräsent ist. Gleichwohl herrscht dieser Gott nicht direkt, sondern über seine Gehilfen, von denen es sieben gibt und die jeweils für eine andere Region oder ein anderes Ressort zuständig sind. Ein Obergehilfe oder Oberengel führt die Schar der Gehilfen oder Engel an, unter denen sich auch ein weiblicher Engel befindet. Bei allen diesen Religionen wird die Existenz eines Teufels verneint und der Mensch selbst als sein "eigener Teufel" angesehen.
Darüber hinaus gehört die buddhistische Seelenwanderung zu den Kernvorstellungen der kurdischen synkretistischen Religionen, insofern als das göttliche Wesen von Zeit zu Zeit durch die Inkarnation seiner Seele in Erscheinung tritt. Sämtliche mythischen Vorstellungen dieser Religionen sind mit bestimmten Orten in Kurdistan verbunden. Last not least: Gesang und Musik gehören bei allen diesen Religionen zu den Kulthandlungen. Sie haben einen Platz in allen ihren religiösen Veranstaltungen, an denen sowohl Frauen als auch Männer teilnehmen. Seitens Andersgläubiger, insbesondere seitens orientalischer Christen und Muslime, sind diese religiösen Veranstaltungen, eben weil beide Geschlechter daran teilnehmen, schon als "orgiastische Treffen" diskreditiert worden.
Ferner, im Vergleich mit dem Islam, der sehr viel Wert auf das Beten und Fasten legt, ist festzustellen, daß bei allen kurdischen synkretistischen Religionen die zwischenmenschlichen Beziehungen, der Dienst am Mitmenschen, einen größeren Stellenwert haben als das Beten oder Fasten.
Das allen kurdischen synkretistischen Religionen Gemeinsame ist gewissermaßen der Kern der kurdischen Kultur, die im siebten Jahrhundert dem Islam begegnete. Es ist natürlich so, daß der Islam mit dem Schwert kam und durch Kampf. Zu jener Zeit im 7. Jahrhundert war Kurdistan ein Teil des Sassanidischen Reiches, das in jener Zeit ein mächtiges Reich war, mit einem ganz großen Gebiet im Vorderen Orient, und das dem Römischen Reich dort gegenüberstand. Als die Araber aus der Wüste kamen, kamen sie nur mit dem Schwert, sie hatten keine andere Waffe. Die Sassanidische Armee war mit Pfeil und Bogen ausgerüstet, und trotzdem konnte sie diese Araber, die zahlenmäßig gering waren und die sich auf fremdem Boden befanden, nicht zurückschlagen. Die Araber konnten dieses große Reich, das man für die damaligen Verhältnisse auch "Weltreich" nennen könnte, stürzen. Sie konnten die Hauptstadt des Sassaniden-Reiches Tisafoun (in der Nähe von Bagdad) besetzen und waren damit bis nach Kurdistan eingedrungen. Bis heute liegt die Grenze Kurdistans in der Nähe von Bagdad. Bagdad ist im übrigen kein arabisches, sondern ein kurdo-iranisches Wort. Die heute gebräuchliche Bezeichnung Bagdad ist aus "Bagadata" entstanden, was "die von Gott gegebene" (Stadt) bedeutet. "Bag" hat die Bedeutung von Gott, wie es sich im Russischen, das auch eine indoeuropäische Sprache ist, erhalten hat. Die Türken haben das Wort auch in ihre Sprache übernommen, dabei zu "Bey" gemacht mit der Bedeutung "Herr" oder "Hochstehender". Wenn sich die ersten beiden Silben von "Bagadata" auf Gott/Herr beziehen, dann bezieht sich die dritte auf die kurdo-iranische Wurzel "dan", mit der Bedeutung "geben/Gabe", was Bagdad zu einem von Gott gegebenen Platz macht, vereinfacht gesagt.
Als die Araber nach Kurdistan und in den Iran kamen, war ihr erstes Ziel, den Islam zu verbreiten. Sie waren erfolgreich dabei, obwohl ihre Bewaffnung sehr schwach war. Bis heute ist das Geheimnis ihres Erfolges nicht ergründet. Eine einleuchtende Klärung dieser Frage würde sowohl der islamischen Geschichte als auch der orientalischen Geschichte dienen. Es gibt natürlich zahlreiche, mehr oder weniger maßgebliche Meinungen dazu, wie die Araber es schaffen konnten, eine ganze Armee zu besiegen, doch bis jetzt gibt es keine wirklich plausible Erklärung. Auf jeden Fall hatte das Konsequenzen, nämlich die Verbreitung der islamischen Religion. Heute gibt es 1,2 Milliarden Muslime in der Welt.

gegen das Eindringen der Muslime in Kurdistan haben die Kurden Widerstand geleistet, und sie haben Widerstand gegen die neue Religion geleistet, die an einen Herrschaftsanspruch gekoppelt auftrat und sich auch auf das gesellschaftliche Leben auswirkte. Die größte kurdische Revolution entflammte 20 Jahre lang unter Führung von Papak-i Khorram(din)i, und zwar in der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts n. Chr. Zu den Zielen dieser Revolution gehörte die Errichtung einer klassenlosen Gesellschaft, in der die Frauen dieselben Rechte wie die Männer haben sollten. Die Kurden nahmen auch teil an den Revolutionen anderer unterdrückter Völker in der Region.
So haben sie z. B. die Revolution der Sklaven (bekannt unter dem Namen "Neger-Revolution") im südlichen Teil des Irak militärisch unterstützt. Das Ziel dieser Revolution war die Gleichberechtigung der Neger. Sie dauerte von 868 bis 883 n. Chr. Der Widerstand der Kurden gegen die arabo-islamische Macht dauerte Jahrhunderte lang.
Die Kurden wollten bei den alten Religionen und bei ihren synkretistischen Religionen bleiben. Was die alten Religionen angeht, hatte die Mehrzahl der Kurden der zoroasthrischen Religion angehört. Ich habe über die zoroasthrische Religion gesprochen, über Gut und Böse und die Trinität von "Denke gut, sprich gut, handle gut". Auf jeden Fall wollten die Kurden in den städtischen Zentren, daß die zoroasthrische Religion weiter bestünde. Dazu muß man wissen, daß die zoroasthrische Religion es forderte, das Nomadentum aufzugeben. Als die Religion von Zarathustra sich in Kurdistan verbreitete, war ihre erste Wirkung, daß ein bedeutender Teil der Kurden das nomadische Leben aufgab, und sich landwirtschaftlichen Aktivitäten widmete, und damit sind zwei Lebensweisen in Kurdistan entstanden, einmal "Kurd", d. h. jemand, der Waffen in der Hand hat und der in einem bestimmten Gebiet versucht, von der Jagd zu leben, als Halbnomaden, heute hier, morgen woanders, aber natürlich nur im Rahmen des Landes Kurdistan, und dann "Goran", d. h. jemand der ansässig ist, der zivilisiert ist, und versucht, sich geistig und wissenschaftlich zu beschäftigen. Sehr wahrscheinlich gibt das Wort Goran einen Hinweis auf "Gawr-an", was eine Bezeichnung für die Anhänger von Zarathustra ist.
Wir sehen in Kurdistan, daß die Goranen immer Menschen gewesen sind, die sich mit Philosophie, mit Literatur und mit der Bereicherung der kurdischen Kultur - jetzt im Sinne von "Buchkultur'' oder im Sinne "feinerer Lebensart" - beschäftigt haben. Diese Tradition ist bis heute bei den Kurden lebendig. Wir sehen auch heutzutage in Ostkurdistan, das zum Teil vom Iran annektiert ist, Goran-Kurden, die sich zur Religion von "Ahli-Haqq" bekennen, also "Leute Gottes" sind. Anhänger eben dieser Ahli-Haqq-Religion haben bereits im 12. Jahrhundert versucht, in der eigenen Sprache zu schreiben, d.i. in ihrem "Gorani" genannten kurdischen Dialekt. Danach haben auch andere kurdische Religionsgemeinschaften, sogar auch die Kurden, die Muslime geworden waren, sehr aktiv an den religiösen Inhalten geistig-­kulturell "gearbeitet". Man kann sagen, daß die Kurden durch ihre eigenen Religionen, aber auch durch die von ihnen geleistete Bereicherung der islamischen Religion, einen definitiven Beitrag zur Weltkultur geleistet haben.
Der berühmte muslimische Scholastiker, der Rhetoriker und Theologe Imam Mohamad AI-Gazzali (1058-1111 n. Chr.) schrieb, daß das islamische Geistesgut auf vier Säulen steht. Er nennt die vier Gelehrten, die diese Säulen darstellen. Drei von ihnen sind Kurden, nämlich Scharazuri, Amedi und Dinawari. In Anbetracht der Bedeutung Al-Gazzalis im Islam ist das eine "Magna Charta" für den Beitrag der Kurden zur islamischen Hochkultur.
Darüber hinaus haben die Kurden noch einen anderen Beitrag zur islamischen Kultur geleistet, sie haben dazu noch den "kurdischen Islam" geschaffen. Es gibt in Kurdistan verschiedene Derwisch-Orden, wie Naqischbandi-Khalidi, Qadiri, Nursi, Nimatollahi u. v. a. m., die sich nicht nach dem äußeren Sinn des Schariat (islamisches Gesetz) orientieren, wie es in der scholastischen Theologie in der Frühzeit des Islam vor etwa 1.400 Jahren festgelegt wurde, sondern die immer versucht hatten, durch Auslegungen, was bei den Muslimen "Idschtihad" heißt, und mit Hilfe von Gnosis, von Philosophie und Rhetorik etwas Neues zu finden, was im Wortlaut in den Kapiteln und Paragraphen des Koran und Sunneh, d. h. in den "Sprüchen und Taten" des Propheten nicht existierte. Sie versuchten, diese neuen Interpretationen zu finden, um die zwischenmenschlichen Beziehungen, das gesellschaftliche Leben unter dem Dach des Islam (für sich) leichter zu machen. Bis heute gibt es Derwischorden in Kurdistan, die erkennbar eigene Richtungen in der islamischen Religion behaupten. Die Entsagung von der Welt und asketische Hingabe bei diesen Derwischorden gehen sehr wahrscheinlich auf den Buddhismus zurück. Zu den berühmtesten kurdischen Derwischorden zählen die von Scheich Abdul Qadiri Geylani mit dem Beinamen Ghaws (1077/8-1166), Mawlana Khalid (1776/7-1827) und Scheich Marifi Node(h)yi (1753-1838).
Die Besonderheit der Kurden ist, daß sie die religiösen Vorstellungen, die sie vor der islamischen Invasion hegten, erkennbar weiter gepflegt haben. Die kulturelle Leistung der Kurden besteht darin, daß es ihnen mehrmals gelungen ist, synkretistische Religionen mit über die Einzelbestandteile hinausgehender neuer Gesamtaussage zu schaffen.

<< Zurück | Weiter >>