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Geschichte Kultur und Religion der Kurden

Die Kurden zählen heute etwa 40 Millionen. Ihr Heimatland heißt Kurdistan, was wiederum "Land der Kurden" bedeutet. Kurdistan ist keine Bezeichnung für ein Staatswesen, sondern eine Landschaft, die in diesem Jahrhundert zunächst auf fünf Staaten (Türkei, Iran, Irak, Syrien, Sowjetunion) zwangsweise aufgeteilt wurde. Nach der Auflösung der Sowjetunion Anfang der 90er Jahre, wurde der sowjetische Teil Kurdistans (das "rote Kurdistan") von Azarbaidschan und Armenien einverleibt. Die Kurden sind heute das größte staatenlose Territorialvolk der Welt.
Kurdistan erstreckt sich vom Kaukasus bis zum Mittelmeer, und von dort bis zum Golf. Ein Teil davon liegt in Mesopotamien, und Mesopotamien wird bekanntermaßen auch als "Wiege der Menschheit" betrachtet. In diesem Lande gab es schon vor Jahrtausenden Hochkulturen wie den Sonnenkult oder Mithraismus. Es gab Buddhismus. Es gab Mazdaismus, also die Religion von Zarathustra, die sich dem Verhältnis zwischen Gut und Böse als Dualismus der Natur des Lebens widmete. Es gab dort auch die Religion von Mani, den Manichäismus, der den Dualismus der Natur mit der Existenz von Licht und Finsternis ins Symbolische übertrug. Es gab in Kurdistan darüber hinaus (und bis heute noch) das Judentum, dann das Christentum, und schließlich auch den Islam. Seit dem vorigen Jahrhundert gibt es auch manche Kurden, die sich zur Bahai-Religion bekennen. Der Ursprung dieser Religion geht auf den Babismus zurück, der von dem persisch-schiitischen Geistlichen Ali Mohammadi Schirazi (1819-1850) gestiftet wurde. Schirazi trug den Beinamen Bab, der Bezug nimmt auf das arabische Wort für Tür (Bab) und auf den Umstand, daß sich Schirazi als "Tür zwischen Gott und den Menschen" verstand. Der Babismus wurde später von Bahaollah (1817-1892) zur Bahai-Religion entwickelt. Weltfrieden und Distanz zur Politik sind die Grundpfeiler dieser in der islamischen Welt bekämpften Religion.
Soweit zu den Religionen. Was die Völker angeht, die in der "Wiege der Menschheit" gelebt haben, in der Geschichte werden nicht minder viele erwähnt, darunter Ilamen, Hethiter, Churriten, Meder, Mitanis, Karduchen, Kordoinen, Sassaniden, Assyrer, Griechen, die entweder in diesem Land lebten oder in dieses Land einfielen. Die Kurden, die uralte Bewohner dieses Gebietes sind, haben sich Anteile der Kulturen dieser Völker zueigen gemacht, worauf der Reichtum ihrer Kultur im wesentlichen gründet, wie im folgenden deutlich werden wird.
Wir können die Geschichte Kurdistans - grob gesagt - in zwei Perioden aufteilen, in die vorislamische und in die nachislamische Zeit. Man kann natürlich auch Unterteilungen vornehmen, die ich aber hier weder für nötig noch für relevant erachte. Die Ankunft des Islam in Kurdistan und im Iran im 7. Jahrhundert nach Christus war ein so weltbewegendes Ereignis, daß diesen Einschnitt so entschieden und ausschließlich zu setzen, dem Sachverhalt durchaus angemessen ist. In der nachislamischen Zeit - genauer 6 Jahrhunderte nach der Ankunft des Islam - gab es dann noch ein weiteres wichtiges Ereignis, nämlich die mongolo-türkische Invasion, und zwar durch Kurdistan und bis nach Bagdad. Auch das war ein bemerkenswerter Einschnitt, der die Geschichte der Kurden im Mittelalter - genauer im 13. Jahrhundert - stark geprägt hat, der allerdings kulturell im Rahmen blieb. Die mongolo-türkischen Invasoren übernahmen nämlich den Islam en bloc, und auch das Arabische und das Persische als religiöse und herrscherliche Kommunikationsmittel. Auch in Hinblick auf die mongolo-türkische Invasion bleibt die Einschätzung angebracht, daß die Geschichte der Kurden auf allen Ebenen in zwei Abschnitte zerfällt, in die Zeit vor der Ankunft des Islam und in die Zeit danach.

In der vorislamischen Zeit gab es die schon erwähnte Vielfalt von religiösen Vorstellungen, von Mithraismus oder Sonnenkult, über Buddhismus, Mazdaismus und Manichäismus bis zum Judentum und Christentum, wobei dem Mazdaismus und Manichäismus zur Zeit der Ankunft des Islam das meiste Gewicht zukam.
Mithraismus gab es in der Frühzeit der Menschheit auf der ganzen Welt, und Relikte dieser Sonnenkult-Tradition finden sich entsprechend ebenso überall. Wenn die Menschen zu Gott bitten, ihnen einen Wunsch zu erfüllen, richten sie ihren Kopf unwillkürlich in die Richtung des Himmels, wo die Sonne sich befindet. Das ist überall auf der Welt so. Bei den Kurden sind diese an den Mithraismus anknüpfenden Relikte zweifellos sehr deutlich. Die Kurdische Fahne, die 1946 bei der Errichtung der Republik Kurdistan in deren Hauptstadt Mehabad zur offiziellen Fahne von Kurdistan wurde, trägt die Sonne in ihrer Mitte, um ein zeitgenössisches Beispiel zu geben, wie bedeutsam den Kurden die Sonne ist. Erwähnenswert ist, daß die Farben Rot/Gelb/Grün gemeinsam die nationalen Farben der Kurden darstellen.
Zweifellos ist es so, daß Sonne, Mond und Sterne einen besonderen Stellenwert in der kurdischen Mythologie haben, was ich aufgrund einer jahrelangen wissenschaftlichen Beschäftigung mit der kurdischen Mythologie sagen kann. In diesem Zusammenhang steht, daß die Kurden sich schon früh mit Astronomie sowie Mathematik und Naturwissenschaften befaßt haben.
Es gab in Kurdistan mehrere Mond- und Sternobservatorien. Das bekannteste befand sich auf dem Berg Gilazarda in der Nähe von Sileymani. Interessenten können den Artikel lesen, den ich gemeinsam mit dem bekannten deutschen Astronomen Professor Wolfhard Schlosser über dieses Observatorium in der Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft (Nr.122 des Jahres 1972) geschrieben habe.
Mazdaismus und Buddhismus sind etwa zur gleichen Zeit entstanden, nämlich 6 Jahrhunderte vor Christi Geburt. Da Zarathustra Iraner war (wenn nicht sogar Kurde), hat der Mazdaismus in Kurdistan eine beachtliche Verbreitungschance gehabt, wovon viele Tempel und Denkmäler in zahlreichen Orten Kurdistans (ganz besonders in der Region Kirmaschan in Ostkurdistan) bis heute zeugen.
Die Religion von Zarathustra gründet auf einer Trinität, und zwar "Denke gut, sprich gut und handle gut". Damit ein Mensch fähig ist, sich diese Trinität anzueignen, muß dieser Mensch sich von "Lug und Trug" [1] trennen. Nach der Vorstellung von Zarathustra gibt es zwei Kräfte in der Welt, die Kraft des Guten und die Kraft des Bösen, und es gibt immer Streit zwischen den beiden, wobei nicht klar ist, welche Kraft siegen wird. Wenn die Menschen sich auf die Seite des Wesens des Guten stellen, oder auf die Seite der "Armee des Guten", wird das Gute erfolgreich sein. Das Gegenteil wird der Fall sein, wenn die Menschen sich auf die Seite des Bösen stellen, dann wird die Kraft des Bösen erfolgreich sein. Dieser kurdo-iranische Dualismus ist anders als der semitische Dualismus. In den semitischen Religionen, also im Christentum, Judentum und Islam, hat Gott selbst den Teufel (die Kraft des Bösen) geschaffen, und Gott (oder das Gute) wird am Ende immer obsiegen. Bei Zarathustra ist es nicht so. Es kommt darauf an, wie die Menschen sich verhalten. Wenn die Menschen sich auf die Seite des Guten stellen, wird Gott (Ahura-Mazda, oder Hurmiz bei den Kurden) obsiegen. Das Gegenteil wird geschehen, wenn die Menschen in die Richtung des Bösen gehen, dann wird der Gott des Bösen (Ahriman, oder Harmin bei den Kurden) herrschen.
Die buddhistische Religion entstand im 6. Jahrhundert v.Chr. in Asien und verbreitete sich schnell, auch nach Kurdistan. Der Religionsstifter Sadr Harta, mit dem Beinamen "Buddha" (560-480 vor Christus) war in einer Stadt in der Nähe von Nepal in einer sehr wohlhabenden und einflußreichen Familie aufgewachsen. Schon früh verließ er seine Familie, verzichtete auf Reichtum und Macht. Er rief auf zur Entsagung von der Welt, einschließlich Vermeidung von Alkohol, schmackhaftem Essen und Unzucht. Er propagierte die Liebe zu allen Lebewesen. Er verbot es, irgendwelche Tiere oder Vögel zu töten. Zu bemerken ist hier, daß die Kurden bis zum heutigen Tag Vögel nicht als Tiere betrachten. Meiner Meinung nach hat das einen archaischen religiösen Zusammenhang. In der kurdischen Mythologie wird das höchste Wesen am Anfang der Schöpfung in der Gestalt eines Vogels dargestellt, und der Vogel als Symbol für das Nichtirdische ist auf vielfache Weise bis heute in der kurdischen Kultur verankert.
Buddha verbot also die Tötung irgendeines Lebewesens, einschließlich der Tiere und Vögel, und - beeinflußt vom Zoroasthrismus bzw. Mazdaismus - empfahl den Menschen, von Lügen unbedingt Abstand zu nehmen und aufrichtig zu sein. Auch Diebstahl gehörte bei ihm zu den großen Sünden. Beeinflußt vom Hinduismus glaubte Buddha an die Seelenwanderung. Die Vorstellung der Buddhisten, daß Buddha "Sohn Gottes" sei und er auf eine Art geboren sei, wie Jesus Christus durch Maria, nämlich vollkommen rein, zeigt den Einfluß des Buddhismus auf die später entstandene christliche Religion, aber auch auf manche kurdisch-synkretistische Religionen, wie z. B. Ahl-i Haqq, wie ich an einem konkreten Beispiel aufzeigen werde.
Zarathustra lebte 6 Jahrhunderte vor Christi Geburt. Der Mazdaismus war also schon eine ziemlich alte Religion, als der Prophet Mani von sich reden machte und der Manichäismus sich entwickelte. Mani war anfänglich Christ, hatte dann religiöse Eingebungen und erklärte sich im Jahre 242 n. Chr. zum Propheten. Anders als Zarathustra und der Mazdaismus sprach Mani nicht von Gut und Böse, sondern von Licht und Finsternis. Licht ist die Seele, und sie ist rein. Finsternis ist Materie, und sie ist schmutzig. Wenn ein Lebewesen stirbt, wird dessen Seele nach oben in den Himmel gehen, und die Materie - da sie schlecht ist - in die Erde gehen. Im Wesen jedes Menschen gibt es zweierlei, das Reine und das Schmutzige. Damit die Menschen sich reinigen, müssen sie sterben, und wenn die Menschen nach und nach sterben, dann wird es - nach einer bestimmten Periode - niemanden mehr auf dieser Welt geben, dann werden alle Menschen in den reinen Zustand gekommen sein, werden ihre Seelen rein sein, und deshalb hat Mani sich gegen das Heiraten ausgesprochen, und dagegen, daß Kinder in die Welt kommen, damit die Menschheit zu Ende geht, und auf diese Art und Weise sich die Menschheit reinigt.
Während Mani seine Religion in Kurdistan zu verbreiten versuchte, gab es auch in Kurdistan bereits das Christentum. Mani lebte im 3. Jahrhundert nach Christus. Zu seiner Zeit war das Christentum in Kurdistan keine neue Religion. Daß es Kurden gab zu jener Zeit, die Christen waren, das bestätigen die altaramäischen Quellen, darunter die Memoiren des Mar Mari, der ein Mönch in Urfa war und 226 n. Chr. starb. Seine Memoiren sind in der 2. Hälfte des vorigen Jahrhunderts sogar zum Teil in die deutsche Sprache übersetzt worden[2]. Das Judentum gab es auch in dem Sinne, daß Juden als Vertriebene nach Kurdistan kamen; die historischen Dokumente, darunter das Alte Testament, sprechen in dem Zusammenhang vom Land der Meder. Da die Meder als die Vorfahren der Kurden gelten, kann das Lob, das im Alten Testament an die Adresse der Meder geht, auch für die Kurden gelten. Interessant ist, daß es über die Herkunft der Kurden zahlreiche Hypothesen gibt. Sie reichen von mythischen Vorstellungen (die Kurden seien aus der Verbindung zwischen Geistern und den Dienerinnen von König Salomon hervorgegangen) bis zu verschiedenen politisch gebundenen Meinungen (Kurden seien arabischer oder türkischer Abstammung). Wenn man sich mit der Genealogie eines Volkes beschäftigt und das ernsthaft betreiben will, muß man sich mit seiner Sprache, Geschichte und nicht zuletzt mit den archäologischen Schätzen seines Siedlungsgebietes befassen. Die stärkste Hypothese zur Herkunft ist die, welche die Kurden auf die Meder zurückführt. Der hervorragendste Anhänger dieser Theorie war der international renommierte russische Orientalist und Kurdologe Vladimir Minorsky (1877-1966). Dafür sprechen meine sprachwissenschaftlichen Forschungen, die ich in den 70er Jahren auf kurdisch und deutsch veröffentlicht habe, aber auch verschiedene alte Ortsnamen in Kurdistan, die auf eine medische Herkunft hinweisen, wie z.B. Amed (der alte Name der Stadt Diyarbekir), Amedi, Amoude, wobei sich A auf Ava, Avah(y)i (Ort, Haus, Siedlungsgebiet) bezieht. Und wenn die Kurden nicht die Nachfahren der Meder sind und stattdessen von den alten Churritern stammen (wie einige Wissenschaftler meinen, darunter Egon von Eickstedt und Mehrdad Izaby), dann haben sie immerhin mit den Juden zusammen im Reich der Meder in Kurdistan gelebt, als die Juden in dem Gebiet Schutz gesucht haben, das - seitdem die Meder "verschollen" sind - Kurdistan genannt wird. Und nicht nur im Altertum lebten Juden in dem Gebiet. Es gibt auch heute noch Hunderttausende Juden in Kurdistan und kurdische Juden in Israel, also Menschen jüdischen Glaubens, die sich - hinsichtlich ihrer Kultur und aufgrund ihres Zusammengehörigkeitsgefühls - mit den Kurden identifizieren.

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